Stat

Samstag, 11. August 2012

Über die Wahrnehmung von ländlichen Ortschaften

,,Die Langeweile wird hier ab sofort abgeschafft''. ,,Wir sind modern und deshalb sind wir ab sofort auch im Internet (sogar Facebook/Twitter) vertreten.'' Wenn Aktive diese Art von Sprüchen, die zur Vorwärtsverteidigung gezählt werden, verwenden, berücksichtigen die Sprücheerfinder selten, dass diese Sprüche auch gewaltig nach hinten losgehen können. Denn sie verfestigen bzw. bestätigen negative Kritik, die vielleicht so nie aufgefallen wäre.
Negative Aussagen über kleine Ortschaften im ländlichen Gebieten kennt man. Die Bewohner müssen sich oft unberechtigte Kritik anhören. Sie können sich selten eloquent gegen diese Kritik wehren. Für die Gegenargumentation fehlt oft die Muße und Übersicht, Denn man kann die Kritikpunkte auch mal anders sehen. Für einen Fünfjährigen kann ein Trecker und Mähdrescher oder spielen in einem Bachlauf und in der Natur sowie im Wald spannender sein, als ein umzäunter Spielplatz in einer Großstadt. Für Mädchen können Tiere, je nach Alter beispielsweise Pferde ebenso interessant sein. Wenn die Jugendlichen den Schulabschluss erreichen, dann sind ''Nachbar´s Kirschen'', d.h. in diesem Fall die Stadt, wegen dem vielfältigerem Angebot und der Abwechslung manchmal aber nicht für jeden interessanter. Wenn die soziale Umgebung als Enge und Einschränkung empfunden wird, dann wird die Freiheit in der Fremde vorgezogen. Auch das Chillen auf den Bänken vor der Haustür kann für Jung und Alt interessanter sein als das Abendprogramm im Fernsehen, wenn zudem noch Nachbarn und Bekannte vorbeikommen. D.h. man ist vor allem selbst verantwortlich für die Attraktion und Unterhaltung vor Ort. Manche ländliche Orte organisieren eine Menge gemeinsamer Aktivitäten (Schützenfeste, Kirch- und Dorffeste, Nikolaus-Feier, St. Martinszug usw.). Analog zu dem angeblichen Zitat von dem ehemaligen Bundeskanzler Erhard gilt hier ''Kurzweil ist zu 50 Prozent Psychologie''. Aufgrund der geringeren Zahl an Bewohnern lässt sich die Stimmung auch schneller und einfacher ins Positive wenden. Eine gute Stimmung und ein positives Lebensgefühl ist sehr wichtig für jeden Ort. Dazu muss man die Nörgler und Miesmacher erst einmal neutralisieren. Was die Bewohner kleinerer Ortschaften vielleicht besser können, ist eine persönliche Bindung zu Verwandten, Bekannten, Freunden und Fremden aufzubauen und dann diese zu halten. Diesen Vorteil kann man auch für den ländlich geprägten Ort nutzen. Denn Besucher bringen Abwechslung und wenn sie zudem unternehmenslustig sind, etwas vermitteln und Neuigkeiten mitbringen können, profitieren die Bewohner vor Ort davon. Ein Ort wird nur von Außen profitieren können, wenn die Ortsbewohner Ressourcen binden und Leute anziehen. Wer auf neue engagierte Bewohner hofft, ohne sie anzusprechen und sie zu einbinden, der hat das Erfolgsprinzip noch nicht verstanden.

Samstag, 28. Juli 2012

Diskriminierung des ländlichen Raums

,,Kaff, Kuhdorf, der Zug hält an jeder Milchkanne, Provinz, Bauerntrottel'' usw.

Für keine andere Siedlungsstruktur gibt in der Deutschen Sprache soviel abfällige und diskriminierende Wörter, wie für kleine Ortschaften und deren Bewohner im ländlichen Raum. Was ist der Grund für die Diskriminierung? Was und wer steckt dahinter?
Sind es enttäuschte Dorfbewohner oder Leute, die ihren Ursprung auf dem Land haben oder sind es Städter oder steckt dahinter eine Kampagne die Landflucht zu beschleunigen? Ohne die landwirtschaftlichen Erzeugnisse müssten die Bewohner in den Städten verhungern, ohne die Abwanderung der Bewohner, wären Großstädte wie Düsseldorf nicht mal eine Einwohnerzahl einer Kreisstadt. Wenn der ländliche Raum nicht einen höhere Geburtenzahlen gehabt hätte, würde in Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Administration an Personal fehlen. Heute versucht man die fehlenden Mitarbeiter aus dem Ausland zu holen, da sich die Geburtenraten auf dem Land, denen der Stadt annähern.

Bei manchen Personen weckt der Begriff Dorf eine Nostalgie, eine heile Welt, Landleben in schönster Form, Bauernhof mit Hühnern, Schweinen und Kühen. Die kleinen Ortschaften haben im Vergleich zur Stadt vielleicht saubere Luft, teilweise sauberes Wasser, meist weniger Lärmbelästigung und vielleicht noch unverseuchte Böden. Dies Nostalgie führt dazu, dass Zeitschriften über das Landleben heute hohe Auflagen erleben, aber die Realität auf dem Land ist meist eine andere. Die Agrarindustrie dominiert den ländlichen Raum und insbesondere die Neubauten im Dorf. Es gibt zudem kaum noch Bauernhöfe, die die klassische Tierhaltung d.g. Kühe, Schweine, Ziegen und Hühner usw. besitzen, sondern meist sind die Höfe auf eine Tiergattung spezialisiert, aber dafür im großen industriellen Stil. Zudem macht der demographische Wandel den kleinen Orten auf dem Land zu schaffen.

In der Zeit von Hungernöten oder Kriegen hat der ländliche Raum teilweise eine Wertschätzung erfahren, dann nämlich wenn Städte auf dem Land evakuiert wurden und/oder die ländliche Bevölkerung landwirtschaftliche Bevölkerung mit Lebensmittel versorgt hat. Welda hat beispielsweise im ersten Weltkrieg eine Obstsammlung für Bottrop und andere Städte in Ballungsräumen durchgeführt. In Zeiten des weltweiten Handels, ist die Herkunft der Waren wieder interessant geworden, insbesondere bei der biologisch angebauten Produkten.

Die Wertschätzung der Dörfer und des ländlichen Raums ändert sich je nach Lage und Zeitgeist. Die abfälligen Bemerkungen sind eher Ausdruck von Überheblichkeit und falsch verstandener Fortschrittsgläubigkeit, die man in Deutschland speziell häufiger als in anderen Ländern antrifft.

Mittwoch, 20. Juni 2012

,,Das wirkt eher kleinlich und provinziell'''

Bislang wurde mir dieser Ausspruch im Gespräch noch nicht entgegnet, aber wenn ich ihn in Internet-Foren-Beiträgen lese, dann frage ich mich was damit gemeint ist. Zunächst sei die Frage erlaubt, wie man sich die Benutzer dieses Ausspruchs vorstellen kann? Wahrscheinlich gehören sie zu den oberen 10000 der Gesellschaft, Geld- und Existenznöte gab es in deren Leben nicht. Wahrscheinlich sind sie auch international viel unterwegs. Sie gehören quasi zum Jet-Set, heute New York, morgen Dubai und übermorgen Jerusalem oder Paris und Berlin. Man ist halt Kosmopolit oder hält sich dafür. Lumpen läßt man sich nicht, mit den Kleinigkeiten des Lebens gibt man sich nicht ab, ansonsten ist ja alles schrecklich provinziell. Vielleicht kann die Benutzer dieses Ausspruchs vielleicht auch als Verbal-Junker bezeichnen. Der Regisseur und Drehbuchautor Helmut Dietl hat mal in einem Spiegel-Interview im Jahre 1987 eine (geistreiche) Bemerkung gebracht:

,,Es hat mit der Provinzialität zu tun. Mit dieser unglaublichen Provinzialität, die sich also immer mehr, je mehr man in Deutschland eigentlich das Ausland kopiert, einschleicht.''

Bravo Dietl! - er dreht den Spieß um: Dietl will hier diejenigen, die sich in der Nachahmung der Amerikaner selbst genügen und die "deutsch" Gebliebenen als provinzlerisch abzuwerten pflegen, selbst als engstirnige Provinzler verstanden wissen. Für Dietl sind die kritiklosen "Kopierer" also selbst borniert.
Wer dagegen das Provinzialismus-Klischee im landläufigen Sinne verwendet,
versteht dies als Totschlag-Argument und möchte damit eine unliebsame Diskussion abwürgen. Das dadurch beleidigte Gegenüber reagiert in der Regel mit Schweigen. Der Provinzler-Vorwurf stellt nämlich eine handfeste Diskriminierung dar. Denn die Adjektive ''provinziell und kleinlich'' werden abwertend gebraucht. Diejenigen, die von ihren Händen Arbeit und im harten Wettbewerb noch nie ihr tägliches Einkommen bestreiten mussten, können anderen vorschnell und vorlaut vorwerfen kleinlich zu sein, da sie die Lebensbedingungen der kleinen Leute nicht kennen. Wieso wird überhaupt die Provinz abgewertet? Wenn man in Ballungsräume kommt und sie mit dem ländlichen Raum vergleicht, dann fragt man sich welche langweiliger und uninteressanter ist. Wenn gewisse Leute, wie diese Verbal-Junker, die Qualitäten der Provinz nicht erkennen, nicht wertschätzen und mit ihnen nichts anfangen können, dann sollen lieber nichts sagen anstatt billige Kopien von anderer Lebensstile zu imitieren und großspurig aufzutragen. Denn eine Kopie, auch wenn sie international sein soll, kann man eher erkennen und sie wird meist billiger bewertet als ein regionales Original.

Samstag, 2. Juni 2012

100 Tage documenta 13 in Kassel

Ab Samstag, den 9. Juni 2012 wird Kassel für 100 Tage wieder der Ort der zeitgenössischen Kunst aus aller Welt sein. Kassel ein Ort in der Mitte Deutschlands wird sowohl durch die 150 Künstler aus 55 Ländern als auch durch die Besucher zeitweise international. Was bedeuten diese 100 Tage für Kassel? Zuerst bedeutet es eine lange Vorbereitung und viele Ausgaben, danach eine Attraktion und manche sehen primär die Einnahmen durch Tickets und Übernachtungen und Verpflegungen. Aber das wichtigste ist der Kontakt mit und Inspiration durch die Kunst.
Diese Kunst scheint so manchem Menschen abstrakt. Menschen, die so denken, leben nicht nur auf dem Land sondern auch in den Städten. Es gibt heute viel mehr Installations- und Aktionskünstler als früher. Die Kunst hat sich andere Wege gesucht. Diese Kunst muss vor allem erklärt oder interpretiert werden. Dies mögen die Gründe sein, weshalb sich so manche Betrachter nach klassischer Kunst sehnen, die bekannte Formen verwendet. Die abstrakte Kunst ist eher etwas für zeitgenössische Künstler selbst und für das Fachpublikum. Die Inspirationen und die Anregungen sind aber wichtig, um aus faden, eingetrampelten Pfaden herauszutreten und neue Wege zu gehen. Gerade in der Mitte Deutschland, in der Logistik-Branche auch Mitte D genannt, wo sich Strassen und Bahnstrecken aus allen Himmelrichtungen sich kreuzen sind, ist Kreativität gefragt und wird an der Kunsthochschule und Uni produziert.

Die heutige Kunst nutzt die Provokation, um auf sich aufmerksam zu machen. Dies ist ein Teil des Marketings. Die Übergänge von der Protestkultur zur Kunst sind fließend. Auch die Naturwissenschaften (Anton Zeilinger) sind vertreten, man kann fraktale Bilder, Computerzeichnungen sowie Videoinstallationen sehen. Kunst ist heute vielfältiger und näher. Die Menschen haben nicht immer die Ehrfurcht vor der künstlerischen Leistung, wie in früheren Tagen bzw. wie vor der Kunst der früheren Tage. Die heutige Kunst muss man nicht lieben, wie ein Rembrandt-Bild, heutige Kunst muss man auch nicht ästhetisch finden oder sich mit ihr anfreunden, wie beispielsweise die Gebetsmaschinen von Thomas Bayrle. Manche glauben, dass moderne Kunstwerke eher originell sind und die Kunstfertigkeit nicht mehr gebraucht wird. Installationskünstler wie David Weiss schaff(t)en Installationen, die scheinbar einfach und profan sind. So einfach, dass einige Leute glauben, dies ein jeder machen kann. Aber sie irren, denn die Kreativität und die Umsetzung von Ideen ist nicht jedem gegeben.

Die Kunst lebt nicht von der Provokation, aber die Provokation belebt die Aufmerksamkeit auf die Kunst. Die Kunst lebt von der Kreativität und Umsetzung der kreativen Ideen durch die Künstler. Die Künstler leben materiell von den Einnahmen, Stipendien und ideell von dem Applaus, dem Zuspruch, ihrer zunehmenden Bekanntheit und Anerkennung. Dass die Welt der Künstler nicht notwendigerweise real und bürgerlich ist, zeigt deren divenhaften Verhalten und leider auch als Kehrseite bei weniger erfolgreichen Künstlern, nämlich deren bittere Armut.

Wenn man manche Orte im heutigen Deutschland anschaut, fragt man sich, wo die Kunst in der Neuzeit geblieben ist? Ältere Bauwerke und Straßenzüge werden als ästhetische Kunstwerke geschätzt. Die Neubauten sind eher funktional und schlicht. Vielleicht hilft die Auseinandersetzung mit der Kunst sich mehr darüber Gedanken zu machen. Vielleicht entsteht so der eine oder andere Impuls sich mehr für die Kunst im ländlichen Raum einzusetzen. Kassel wird für 100 Tage ein Zentrum, ja die Hauptstadt, der modernen Kunst sein. Unter den Kreativen ist Kassel und die weitere Umgebung heute schon ein Geheimtipp, wie der neue Wohnort dieses weit gereisten Künstlers und diese Ausstellung vermuten lassen.

Dienstag, 22. Mai 2012

Alte Fachwerkhäuser in den Ortschaften

Idyllische Bilder und Ansichten von Ortschaften mit vielen Fachwerkhäusern kennt fast ein jeder. Diese sind oft eine Augenweide für die Betrachter und werden vom Tourismus als Motiv für Werbebroschüren gewählt. In alten Fachwerkhäusern wohnen möchten aber weniger Menschen als Betrachter. Aber warum sind die Fachwerkhäuser so unattraktiv als Wohnhaus? Die Gründe dafür sind die kleinen Fenster d.h. wenig Tageslicht, niedrige Decken, knarzende Böden, meist eine regelmäßige Reparaturbedürftigkeit der Zwischenräume (des Gefachs) und der höhere Wärmeverbrauch. Und dies, obwohl die Baumaterialien Lehm und Holz als Gegensatz zu Beton und Kunststoff gegenwärtig eine Renaissance erleben. Lehm besitzt einige interessante Eigenschaften und auch das Holz als Naturstoff und die Skelettbauweise haben einige Vorteile. Der Lehm dient auch als Wärmespeicher und wirkt luftfeuchtigkeitsregulierend und soll im Sommer die Innenräume kühl halten. In den 1960ziger Jahren haben viele Besitzer Faserzementplatten (auch als Eternitplatten bekannt) an die Fassaden ihrer Fachwerkhäuser anbringen lassen, die nun schwierig, wegen der Umweltschutzauflagen für Asbest, zu entsorgen sind. Bei einigen Fachwerkhäusern hilft nur eine Entkernung des Gebäudes bzw. eine Grundsanierung. Dies kommt meist so teuer, wie ein Neubau. Nun sind alte Fachwerkhäuser auch meist klein und haben innerhalb der Ortschaften keinen anliegenden Gärten. Die Gärten der Besitzer lagen früher meist außerhalb des Orts. Dagegen sind neugebaute Einfamilienhäuser den zeitgenössischen Wohnbedürfnissen der Bewohner angepasst. Dort befindet sich ein Garten rings um das Haus, gut isoliert. Die Garagen sind in oder am Haus integriert. Die Häuser sind meist vollständig aus Stein gebaut, die Wärmeisolierung entspricht neusten Stand der Technik.

So haben sich die Besitzer, wenn sie im Ort blieben, meist einen Neubau in der Neubausiedlung errichtet, andere bzw. deren Kinder sind weggezogen. So stehen nicht wenige Fachwerkhäuser unbewohnt und warten auf ihr Schicksal: Abbruch oder Grundsanierung. Viele Fachwerkhäuser wurden in den 1960ziger und 1970ziger Jahren ohne Not abgerissen.

Im westfälischen Warburg an der Diemel zahlt die Kommune eine Prämie an die Neubesitzer von alten und leerstehenden Häusern in den Ortsteilen, quasi als Anschubfinanzierung für die notwendigen Renovierungen und um die Leerstände zu reduzieren. Im nordhessischen Wanfried an der Werra, unweit der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in den letzten 20 Jahren halbiert. Im Ort gibt es viele Fachwerkhäuser. Einige Niederländer haben diese alte leerstehende Fachwerkhäuser für sich entdeckt. Insbesondere kinderlose und selbstständige Paare nutzen diese Art von Häuser für sich als Zweitwohnsitz oder als Wohn- und Arbeitsstätte. Etwa 10 niederländische Besitzer wohnen schon vor Ort. Die Immobilien sind aus niederländischer Sicht sehr günstig. Die meisten von ihnen haben im Durchschnitt nach dem Hauserwerb für den Umbau 75,000€ investiert. Wichtig für den Erfolg dieser Art von Ansiedlung ist neben einem schmucken Ortskern ein gesellschaftliche und kulturelles Leben vor Ort, eine Offenheit sowie gute menschliche Beziehungen zwischen den Neuzugezogenen und den Einheimischen. Und nicht ganz unwichtig, der örtliche Verantwortliche wusste gewiss auch, wie er die Interessenten anzusprechen hatte.

Montag, 9. April 2012

Kneipensterben in Deutschland -- Welda als Phänomen

Welda, ein Ort mit 850 Einwohnern, ist mit den vier ''real existierenden'' Gaststätten nicht nur in der Region Hochstift Paderborn und im benachbarten Nordhessen ein Phänomen. Denn in vielen anderen Ortschaften der Region und selbst in manchen Ortsteilen des Warburger Stadtgebiets existiert kein einziges Wirtshaus mehr.

Eine neue Studie hat das Kneipensterben in den letzten 10 Jahren untersucht. In diesem Zeitraum wurden 12,000 Schankbetriebe in Deutschland geschlossen. Ein Teilergebnis der Studie lautet: Während in Niedersachsen und Hamburg das Kneipensterben in diesem Zeitraum besonders hoch war, hat sich die Zahl der Kneipen in Berlin fast verdoppelt. Ein Diskutant meint, dass in Hamburg die Bierpreise im Vergleich zu Berlin höher wären. Dies soll ein Grund für diese Diskrepanz sein. Andere führen den Grund für die vielen Schließungen auf das Rauchverbot für Gaststätten zurück. Die Argumentation in den Artikeln und in der Diskussion verläuft etwas in der Richtung: Haltet den Dieb! Während der Schankbetrieb in Vereinshäusern als eine Ursache für die Entwicklung gesehen wird, meint ein hoher Landespolitiker, dass die Feuerwehrhäuser mit eigener Bierzapfanlage Schuld an dieser Entwicklung wären. In Bayern gibt es in 500 der insgesamt 2200 Ortschaften kein einziges Wirtshaus mehr. Manche sehen auch die Senkung der Promillegrenze für Kraftfahrzeugführer als Grund für das Kneipensterben.

Der Professor für Kulturgeographie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingelstadt Dr. Florian Kohnle, der zur Zeit eine Studie zum Thema erarbeitet, äußert sich so: "Mit dem Wirtshaus verschwindet eine Einrichtung mit hohem sozialen und kulturellen Stellenwert aus den Gemeinden". Dies sind erhebende Worte, aber ein schwacher Trost für die Bewohner von Ortschafen ohne Wirtshaus. Ist denn in Berlin wirklich der Bedarf an Errichtungen mit sozialem und kulturellem Stellenwert gestiegen und gibt es in Berlin weniger Vereine mit Zapfanlagen als im Rest des Landes?

Neben dem Wandel in der Gesellschaft, zählt heute, dass die Menschen ein anderes Freizeitverhalten, eine veränderte Arbeitswelt sowie eine andere Mobilität besitzen. Wo gibt es noch Stammtische nach dem sonntäglichen Gottesdienst? In welchen Ortschaften gibt es denn noch Gottesdienste jeden Sonntag? Wo beschaffen sich die Leute die neusten Informationen und wo werden diese diskutiert?

Man darf nicht vergessen, dass manche Wirtshäuser geschlossen werden, weil keine Nachfolger gefunden werden. Zudem geben die Banken den Wirten für die Eröffnung und Renovierung von Gasthäusern auch keine Kredite mehr. Auch die Brauereien finanzieren die Wirtshauseinrichtungen, die exklusiv ihr Bier ausschenken, nicht mehr so leicht wie früher. Bei der Übergabe einer Gastwirtschaft werden zudem die zu erfüllenden Bedingungen an die Schanklizenzen von den Behörden stetig erhöht. Die Überregulierung des Staates macht somit den Erhalt und die Fortführung der Wirtshäuser auch nicht leichter. Wenn dann noch Vereine als ''Konkurrenzbetriebe'' auftreten, dann ist der Umsatz und somit das monatliche Auskommen der Betreiber, in den ohnehin umsatzschwachen Ortschaften, gefährdet. Insgesamt kann man den Wirten nichts vorwerfen, wenn sie ihre Schankbetriebe aufgeben. Denn in anderen Berufen verdienen oft mehr und zudem haben sie meist in anderen Berufen auch angenehmere Arbeitszeiten. Und für sozio-kulturelle Arbeit gibt es keine finanzielle Zulagen.

Samstag, 7. April 2012

Damit die Kirche im Dorf bleibt -- Ein Gedanke zur Nutzung von Kirchengebäuden

Überlagert aber unabhängig vom demographischen Faktor ist auch die zudem rückläufige Zahl an Kirchenbesuchern, auch in dem ländlichen Raum. Die meisten kleineren Ortschaften haben, anders als früher, keinen Pfarrer mehr vor Ort wohnen. In einer Zeit in der es an Priestern, in der katholischen Kirche, mangelt und in der auch die Kirchensteuereinnahmen rückläufig sind, wird die pastorale Versorgung neu strukturiert, mit der Konsequenz, dass es nicht mehr jeden Sonntag einen Gottesdienst in jedem Ort geben wird. Mit den fehlenden Gottesdiensten, die ja bislang die Hauptnutzung eines Kirchengebäudes ausgemacht haben, stellt sich die Frage, was machen mit dem Kirchengebäude? Ein Planer eines ländlichen Raums hat sich mal in einem Vortrag folgendermaßen geäußert: ,,und wenn die Kirche im Dorf ungenutzt bleibt, dann stellt sich die Frage, ob Aktivitäten zur Erhaltung des Orts überhaupt noch Sinn machen''. In vielen französischen Dörfern gibt es leerstehende Kirchen, in denen es meist nur zu den christlichen Hochfesten Gottesdienste gibt. Dort sind die politischen Gemeinden für den Erhalt der Kirchengebäude verantwortlich, sofern sie vor 1904 gebaut wurden. Manche politischen Gemeinden kommen dieser Aufgabe mehr oder weniger nach. Wenn die Nutzung durch Gottesdienste so gering ist, dann muss man sich vor Ort in Deutschland fragen, wer den Unterhalt des Gebäudes finanzieren soll? Die Antwort ist abhängig von der vorausschauenden Weitsicht der Verantwortlichen vor Ort. Es gibt mehrere Möglichkeiten eine Kirche parallel zu nutzen. Diese Doppelnutzung kann für eine Übergangsphase sein, aber auch für einen Dauerzustand. Die weitere Nutzung ist zum Teil abhängig von den Eigenschaften der Kirchen selbst. Ist die Akustik und die Orgel gut? Dann eignet sich das Kirchengebäude für Konzertveranstaltungen. Hat es dieses Potential nicht, kann es vielleicht als Museum mitgenutzt werden. In den französischen Alpen in der Chartreuse hat eine Gemeinde einem Künstler, auch Arcabas genannt, eine Kirche zur künstlerischen Ausgestaltung zur Verfügung gestellt. Dieses Kirchengebäude bzw. Museum zieht viele Besucher an. Aber es gibt auch viele andere Lösungen, welche davon umgesetzt wird, hängt von der Kreativität und Entscheidungsfindung der Verantwortlichen und von der Akzeptanz der Lösung in der Bevölkerung ab. Im westfälischen Weckinghausen bei Soest (Erzbistum Paderborn) haben schon 1975 die Bewohner in Eigeninitiative eine Kapelle vor dem Abriss gerettet und restauriert.