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Mittwoch, 16. Juli 2014

Die ländliche Idylle als Projektionsfläche von Städtern

Eine neue Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach hat im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Umfrage durchgeführt. Es wurden folgende Aussagen festgestellt: Die Lebensbedingungen sollen laut Umfrage nicht so weit auseinanderlaufen, wie man es aufgrund der öffentlichen Debatte vermuten könnte. Aber die ''psychologische Distanz'' zwischen Stadt und Land ist schon merklich und nimmt immer mehr zu. Bei der Beurteilung der Infrastruktur, sind in den Städten nur 3% und auf dem Land 15% der Bevölkerung mit der Gesundheitsversorgung unzufrieden. Bei den Einkaufsmöglichkeiten beurteilen 25% und beim öffentlichen Transport 40% der Bewohner auf dem Land die Lage als weniger oder nicht gut. Zu beachten ist dabei: Dies sind gemittelte Werte, die je nach Einwohnerdichte und Region vom Mittelwert abweichen. Bemerkenswert sind die Veränderungen auf die Frage: ,, Wo haben die Menschen Ihrer Ansicht nach ganz allgemein mehr vom Leben: auf dem Land oder in der Stadt?“ 1956 beantworteten 59% in der Stadt und 19% auf dem Land, 1977 beantworteten 39% in der Stadt und 43% auf dem Land und 2014 nur noch ca. 20% in der Stadt. Offensichtlich wird das Landleben als ,,gesünder, ruhiger und natürlicher'' empfunden. Mit dem ländlichen Raum verbindet man ,,gute Luft, günstiger Wohnraum, Nachbarschaftshilfe und weniger Einsamkeit sowie Glück'', während man in der Stadt den Abwechselungsreichtum, schätzt aber auch mit Schmutz und Lärm in Verbindung bringt. Hier werden Idealbilder, durch Bauernhof-Bilder und Zeitschriften wie ''Landlust'' und das Landwirtschaftliche Wochenblatt entwickelt, die vielleicht erklären warum die Grüne-Partei beste Wahlergebnisse in den großen Städten bekommt. Je mehr es den Städtern an Kontakten zum ländlichen Raum und deren Bevölkerung fehlt, desto stärker ist die Idylle ausgeprägt. Vielleicht können Partnerschaftsprogramme zwischen Großstädten und dem ländlichen Raum helfen Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu helfen?

Kommentare:

  1. Faktoren wie Landflucht, Verschlechterung der Infrastruktur, Schließung von Geschäften etc. liegen zum großen Teil an dem Verhalten der Landbewohner selbst. Die öffentlichen Transportsystem, die ausschließlich auf Gewinnbasis arbeiten, dünnen wenig rentable Verkehrsverbindungen aus oder stellen sie komplett ein.

    Zum Beispiel: Dass die Apotheke in xxx zumachte, lag z.T. daran, dass einer der beiden Ärzte im Dorf plötzlich verschwand nach einem Feuer in der Gemeinschaftspraxis (wahrscheinlich seine anteilige Versicherungsprämie nicht bezahlt). Der Aufruf unseres Bürgermeisters "unterstützt eure lokale Apotheke" hat leider nicht geholfen. Patienten, die bei einem Arztbesuch in der Stadt bequemlichkeitshalber ihre Medikamente dort in einer Apotheke kauften, haben maßgeblich zum Untergang der Apotheke im Dorf beigetragen.

    Bei der Schließung der kleinen Bäckerei+Lebensmittelgeschäft im Dorf war das Kaufverhalten der lokalen Bevölkerung anscheinend ebenfalls ausschlaggebend. Es gab eine rätselhafte Polarisierung zwischen einem Teil der Bewohnern und dem Bäcker, die teilweise Züge eines Boykotts trug. Vielleicht ein alter Zwist? Vielleicht weil der Bäcker ein Zugereister war und sich nicht genug am Dorfsleben teilnahm? Dabei mag jeder gern frische Brötchen vom Bäcker aber anscheinend kamen die von irgendwo anders her. Vielleicht aufbackbare Brötchen aus dem Supermarkt?

    Ein Bekannter, der in einem Dorf ganz in der Nähe einer großen Stadt aufgewachsen war, beklagte sich schon Anfang der 90er Jahre über die "Amerikanismen", die den dörflichen Geschäften ungleiche Konkurrenz zu machen begannen. Große Supermärkte vor den Toren der Stadt waren schon damals der große Feind des Tante-Emma-Ladens und des lokalen Handwerks. Die meisten Dorfbewohner hatten ein Auto und man fuhr wie alle anderen zum Einkaufen in den großen Supermarkt. Verlockende Sonderangebote, viel billiger en gros einkaufen. Natürlich kaufte man dann auch schon mal mehr ein, als man tatsächlich nötig hatte. "Ist ja so billig und vor allem viel billiger als im Laden bei uns im Dorf". Nur die Menschen, die kein Auto und keine andere Wahl haben, machen ihre Einkäufe noch immer im Dorf. Bis auch der letzte Tante-Emma-Laden verschwunden ist. Aber dann ist es zu spät.

    Das ist eine triste paneuropäische Entwicklung und das liegt zum großen Teil an der "Mitarbeit" der Landbewohner selbst. Sie waren sich nicht davon bewußt, dass sie mit ihrem Kaufverhalten einen wesentlichen Beitrag leisteten zum Untergang ihres eigenen Dorfes, und das in einer absehbaren Zukunft .

    Zu guter Letzt droht in xxx auch noch die einzige Dorfkneipe zu verschwinden mit ihrem unersetzlichen Beitrag zum sozialen und kommunalen Leben. Solange die Bäckerei offen war, wurden morgens im Café täglich etwa 30 Tassen Kaffee konsumiert . Jetzt sind es noch ein paar Tassen. Das liegt nicht daran, dass die Bewohner plötzlich so viel weniger verdienen. Es liegt an ihrer Mentalität. Als ob sie befürchten müssten, einen Imagoschaden zu erleiden, wenn sie sich zu anderen Zeiten im Café sehen lassen. Neu Hinzugezogene, vielleicht gar aus der Stadt, lassen sich kaum in der lokalen Kneipe sehen.

    Diejenigen im Dorf, die über das Ausbluten ihrer ländlichen Gemeisnchaft klagen , sollten sich mal fragen, ob sie nicht ihr Dorf schon längst selbst an den Nagel gehängt haben. Voraussdenken und Solidarität ist anscheinend nicht jermanns/jederfraus Sache. Nicht bei allen, aber manchmal wohl bei einer erdrückenden Mehrheit.

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  2. Das Kaufverhalten der Bewohner kleiner Ortschaften ist in manchen Fällen scheinbar widersprüchlich. Meist sind es Überlegungen wie günstiger Einkaufen, größere Auswahl an Produkten oder schlechte Erfahrungen oder Animositäten mit den örtlichen Ladenbesitzern, die das Kaufverhalten beeinflussen. Da es keine Alternative im Ort gibt, ist der Einkauf in einem größeren Ort nahe liegend, ungeachtet der negativen Konsequenzen, die daraus folgen. Ob Verkaufsautomaten das eine oder andere Problem (Preis oder Animosität) lösen, weiß man erst, wenn man sie ausprobiert hat. Nichts geht über freundliche und kompetente Ladenbesitzer, die die meisten Wünsche der Kunden erfüllen und die sich trotzdem mit einem geringen Umsatz zufrieden geben. Der Trend geht zu einem Bistro-Poststellen-Frischwarenladen mit regionalen Produkten, d.h. die sogenannte eierlegende Vollmilchsau. Die Appelle an die Bewohner durch ihr Kaufverhalten, den einzigen Laden zu retten, funktionieren aus den oben genannten Gründen nicht immer. Eine gute Ortsgemeinschaft schafft es eher eine Lösung zu finden, als eine weniger so gute.

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