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Donnerstag, 3. Januar 2013

Was hat der Ort Welda mit Frankreich zu tun?

Welda, ein westfälischer Ort am ehemaligen kurhessisch-waldeckisch-paderbornischen
Dreiländereck in der Mitte Deutschlands, liegt etwa 400km von der deutsch-französischen Grenze entfernt. Im Januar 2013 feiern Deutschland und Frankreich das 50. Jubiläum der Unterzeichnung des Élysée - Vertrags von 1963. Im öffentlichen Bewusstsein denkt man bei deutsch-französischen Beziehungen meist an Grenzorte und an die damaligen Staatschefs Charles de Gaulle und Konrad Adenauer. Die Geschichte der Ortschaft Welda mitten in Deutschland jedoch zeigt auch andere Verbindungslinien zwischen diesen Staaten.

Die ersten dokumentierten Kontakte kamen durch die französische Armee, die an der Schlacht von Warburg während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) teilnahm. Sie durchquerte das benachbarte Welda und machte dort auch Quartier.

Durch die französische Revolution von 1789 ergaben sich für Welda einigee Folgen.
Im Jahre 1795 wählten die politischen Vertreter in Welda zum ersten Mal einen Nicht-Meier (Kötter) anstatt eines Meiers (Großbauer) zum Bürgermeister. Die sieben Vollmeier beschwerten sich beim Geheimen Rat des Fürstbistums Paderborn, mit der Begründung, dass wohl ,,die Köttere das französische Principium Freiheit und Gleichheit [und Brüderlichkeit] ergriffen hätten. welches aber von einem Hocherw. Geheimden Rathe gnädigst abzuwenden alle Vorsorge treffen werden''.

Und zweitens wenig später, als durch die Französische Revolution unter der Herrschaft der Jakobinier die französischen Geistlichen ihr Land verlassen mussten. Das Fürstbistum Paderborn nahm einige französische Priester auf und setzte sie in ihren Pfarreien wie bespielsweise in Welda ein. Jean Nicolas Rappe blieb von 1796 bis 1808 in Welda. Als Pfarrer hatte er auch die örtliche Schulaufsicht. Der damalige Schulinspektor und Franziskaner Damanzius Himmelhaus vermerkte damals in seinem Report die 'französische Strenge' an dieser Schule.

Französische Trappisten versuchten 1802 eine 'Erziehungsanstalt' auf Schloss Welda zu gründen. Das Hochstift Paderborn wurde 1803 durch die Preussen annektiert. Die damalige preussische "Spezialorganisationskommission" schloss das Projekt 1803 vorzeitig, da ihr die Schule zu streng und die 'Erziehungsmaßnahmen 'unmenschlich' erschienen. Das verwundert eigentlich, denn die Preussen waren ja auch nicht gerade als Weichlinge bekannt. Aber vielleicht hatten die deutschen Schulen Angst vor unliebsamer Konkurrenz. Es zeigten sich schon vor über 200 Jahren markante Unterschiede zwischen dem deutschen und französischen Schulsystem. Ob dies die Entwicklung der heutigen deutschen Schulen erklärt? Es wäre interessant zu wissen, was aus dieser Schulgründung geworden wäre, wenn man sie nicht geschlossen hätte.

Nicht zu vergessen ist gewiss das Königreich Westfalen, das von Napoleon im Jahre 1807 gegründet worden ist. Die Idee, ein Territorium Westfalen einzurichten, war im Ansatz nicht verkehrt. Allerdings weite Teile Westfalens nicht einzugliedern und die Landeshauptstadt in Kassel anzusiedeln, war nicht so ,lustik'. "König Lustik" war der Spitzname von Jérôme Bonaparte, dem Bruder Napoleons. Er regierte damals Westfalen. Die Katholiken verbanden mit ihrer Ansicht nach ebenfalls katholischen Franzosen eine Verbesserung ihrer Position gegenüber der kurz vorher erlebten preussischen Herrschaft. Aber hier kannte man die Ziele der Revolution und des Laizismus nicht gut genug und war deshalb umso mehr enttäuscht. Umgekehrt verstanden die Franzosen nicht, diese Erwartung in der Bevölkerung für sich zu nutzen. Diese französische Zeit hat übrigens französische Begriffe und Lehnwörter in die hochdeutsche und niederdeutsche Sprache gebracht, die als Relikte noch heute erhalten sind. Zudem führten die Franzosen die Emanzipation der Juden, die Abschaffung der Stände und der Leibeigenschaft sowie die Gewerbefreiheit ein.

Einen Bezug zu Frankreich hatte die Weldaer Schriftstellerin Ferdinande von Brakel über ihre 1806 geborene Mutter Charlotte Leontine von Brackel geborene Asbeck. Die Mutter Charlottes war die Marquise Ferdinandine de Ghistelles. Sie war am Französischen Königshof Hofdame, musste aber wegen der Revolution über Belgien nach Deutschland flüchten. Versuche, mehr über diese Familie in Frankreich in Erfahrung zu bringen, scheiterten an dem Antwortverhalten des dortigen historischen Vereins.

Gewiss waren auch Weldaer als rekrutierte Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg bzw. sind da gefallen. Aber es gibt keine spezielle kriegerischen Erinnerungen oder Ressentiments gegen Frankreich. Das Hochstift hatte keine Armee und sie war auch nie bis Frankreich. Im Gegenteil Frankreich war meist die bevorzugte Schutzmacht zu Zeiten des Hochstifts.

Während des Zweiten Weltkriegs waren u.a. auch französische Kriegsgefangene in Welda zur landwirtschaftlichen Arbeit eingesetzt. Die Kontakte zur Weldaer Bevölkerung waren so freundschaftlich, dass nicht wenige dieser Kriegsgefangenen nach dem Krieg regelmäßig zum Besuch nach Welda kamen. Sie waren bei Weldaer Familien untergebracht und brachten auch ihre Familienangehörigen mit. Dabei waren die Verkehrsverbindungen noch sehr schwierig, es gab noch keine Autobahn, die bis in die Region führte.

Fazit: Die Frage, ob Welda vom französischen Einfluss mehr profitiert als Schaden genommen hat, liegt im Auge des Betrachters. Die Französische Revolution hatte sicherlich greifbare Auswirkungen auf Welda. Dies zeigt, dass die deutsch-französischen Beziehungen nicht nur eine Frage der Grenze sind. Das Bild vom Boche, dem ,häßlichen Deutschen', wurde, wie das Beispiel der Kriegsgefangenenkontakte zeigt, relativiert. Versöhnung und menschliches Miteinander stehen hier anstelle von Feindschaft und Hass. So sind nicht zuletzt auch in Welda, mitten in Deutschland, die Grundlagen für die Akzeptanz des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages geschaffen worden. Diese Grundlagen sind nicht immer übertragbar, beispielsweise auf das Verhältnis zwischen Israelis und Araber. P.S.: Übrigens war Westfalen auch ein Zufluchtsgebiet für die Verfolgten der französischen Revolution und somit auch ein Gebiet der deutsch-französischen Begegnung.

Dienstag, 18. Dezember 2012

Nachdenkliches zu Weihnachten

Für manche ist Weihnachten ein Fest der Geschenke, für andere ist der vorweihnachtliche Advent eine Zeit der Einkehr und Besinnung und für einige kleine Ortschaften, die keinen Pfarrer mehr haben, weil die Pfarrstelle im Ort nicht wiederbesetzt wurde, ist sie eine Zeit, Erfahrungen zu sammeln. In diesen Ortschaften wird sich zeigen, ob die
Orte besser oder schlechter mit bzw. ohne Pfarrer leben können. Weil dieses Jahr Weihnachten erstmals ohne Pfarrer ist, fällt in Welda die Christmette aus. So hat sich die Kirchengemeinde dazu entschlossen,eine christmettliche Feier mit Gesängen und Krippenspielen in der Kirche anstatt des gewohnten weihnachtlichen Gottesdienstes auszurichten. Dies ist ein Pluspunkt für die Kirchengemeinde. Es muss nicht unbedingt einen Minuspunkt für den bisherigen Pfarrer bedeuten, aber für den Pastoralverbund. Auch wenn das Fehlen des Pfarrers hier zur Selbstinitiative geführt hat, wird sich zeigen, wie die Gemeinde ohne pastorale Dienste und Betreuung vor Ort sich fortlaufend entwickeln wird. In vielen dieser Orte wird sich ein Leben ohne Ortspfarrer
entwickeln (müssen). Und am Ende jedes Jahres ist ein Fazit aus dem Vergleich der Erfahrungen mit und ohne Pfarrer erlaubt. Aber das Problem der pastoralen Betreuung bleibt. Mit rotierenden Diensten der Geistlichen und mit wechselnden Gottesdienstzeiten, ohne Transportangebot für die Gläubigen zu Gottesdiensten in anderen Kirchen bzw. Nachbarorten wird es schwierig, deren Bindung zur Kirche zu halten. Geistliche als ,müde' fliegende Händler und Gläubige, ob jung und alt, sollen zu Gottesdienstveranstaltungen anreisen, obwohl die meisten kein Auto besitzen und kein Fahrdienst eingerichtet wird. Es scheint, dass hier Dilettanten als verwaltende Manager ohne menschliches Herz und christliches Augenmaß sowie ohne Sinn für menschliche Bedürfnisse und Gewohnheiten der Gläubigen am Werk sind. Es erweckt den Eindruck, dass
die Begriffe ,Pastoralverbund' oder ,Pastoraler Raum' irreführend verwendet werden. Bei der Umsetzung scheint eine Verwaltungsidee dahinterzustecken, wie beim klassischen Pfarramt, nur mit weniger Priestern, garniert mit ein paar modernen Managementelementen. Die Verwaltung der ,Pastoralverbünde' gehört in die Hände von Fachleuten, die hauptsächlich Laien sind. Damit haben die Priester mehr Zeit für die eigentliche Seelsorge. Trotzdem allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Wohnungsnot und demographischer Wandel?

Am 1. März 2012 wurde in den deutschsprachigen Nachrichten verkündet, dass in den kommenden fünf Jahren bis zu 825,000 Mietwohnungen, insbesondere in den deutschen Großstädten und in den südlichen Bundesländern fehlen. Die Aussage beruht auf zwei Studien.


Im Dezember 2012 warnte der Mieterbund, dass aktuell 250,000 Mietwohnungen, gerade in deutschen Ballungsräumen und in den Universitätsstädten fehlen. Die Konzentration der Unternehmen in Ballungsräumen und Großstädten führt dazu, dass die Arbeitnehmer in die Nähe der Unternehmen umziehen, durch die Konzentration von Unternehmen in Ballungsräumen steigen die Kosten für die Unterkunft der Mitarbeiter. Dies hat zur Folge, dass die Gehälter bzw. Personalkosten angehoben werden oder die Mitarbeiter einen Großteil ihres Einkommens für Miete und für den Erwerb von Eigentum bezahlen müssen. Dies ist ein Teufelskreis. Deshalb wäre es zu überlegen, ob nicht einige Abteilungen von Unternehmen in den ländlichen Raum verlegt werden können. Hier steht ausreichend Wohnraum und zudem zu günstigen Preisen zur Verfügung.
Für diese Auslagerung könnte der Staat Anreize schaffen. Die Unternehmen können allein schon durch die Auslagerung einiger Abteilungen laufende Kosten sparen. Gewiss gibt es Mitarbeiter, die das Wohnen in Großstädten mit allen ihren Vor- und Nachteilen bevorzugen, aber es gibt auch Mitarbeiter, die eher den ländlichen Raum als Wohn- und Arbeitsort vorziehen. Insgesamt gesehen kann man mit einer räumlichen Verteilung der Arbeitsplätze bzw. Verlagerung in ländliche Gebiete sowohl das Wohnungsproblem in Großstädten und somit die Kostensteigerungen reduzieren als auch das Wohnungsproblem, d.h. Leerstände von Gebäuden, in dem ländlichen Raum ansatzweise lösen. Dies gilt natürlich nur, wenn man eine Lösung beider Herausforderungen wünscht.

Dienstag, 6. November 2012

Ein Wohnhaus im Grünen

Ein Wohnhaus im Grünen, das ist und war der Traum vieler Bürger in Deutschland. Durch den demographischen Wandel in Deutschland werden viele Häuser, die in den 1960ziger und 1970ziger Jahren gebaut wurden in Zukunft leer stehen. Insbesondere Häuser und Siedlungen fern ab von Oberzentren sowie ganze sogenannte Neubauviertel sind davon betroffen. Der Verkaufswert der Familienhäuser sinkt so stark, dass man sich von dem Erlös keinen Platz in einem Seniorenheim leisten kann. Allein in Nordrhein-Westfalen, inbesondere im Ruhrgebiet, im Sauerland, in den Landkreisen Höxter und Lippe soll es im Jahre 2025 über 71,000 Häuser bzw. Wohnungen geben, die keiner mehr braucht. Was kann man dagegen unternehmen oder muss man die Häuser abreissen?


Montag, 5. November 2012

Zu Allerseelen: Eingedenk der Verstorbenen 2012

Aus der Gemeinde Welda sind seit November 2011 folgende Personen verstorben:

* Frau Alwine Miloschewski (geb. Blömeke)
* Frau Lücke
* Herr Franz Kampe
* Frau Franziska Kuhaupt (geb. Tegethoff)
* Frau Irmgard Temme (geb. Deist)

wir werden ihrer gedenken, mögen sie ruhen in Frieden.

Freitag, 12. Oktober 2012

Welche Folgen hat der Bau von Umgehungsstraßen für kleine Ortschaften?

Seit den 1960ziger Jahren werden in Deutschland und anderswo in der Welt um die geschlossenen Ortschaften vorbeiführende Umgehungsstraßen herumgebaut. Das Ziel dieser Bauprojekte ist es den seit der Nachkriegszeit zunehmenden Durchgangsverkehr an den Ortschaften vorbeizulagern. Diese Änderung wurde verursacht durch den stark wachsendem Individualverkehr. Mit der Baumaßnahme hat man den Verkehr in den Ortschaften und die Zahl der Verkehrsunfälle reduziert. Den Fahrzeuglenkern wird mit durchgängigen und größeren Verkehrsstraßen die mühsame Durchfahrt durch Ortschaften erspart. Dies könnte man als eine Lösung bezeichnen, aus der die Ortsbewohner und die Durchreisenden Vorteile ziehen. Aber es gibt auch einige Nachteile. Hier sind u.a. zu nennen die Landnahme von grünen Flächen durch den zusätzlichen Straßenbau und die gleichzeitige Benachteiligung des öffentlichen Verkehrs. Aber mit den fehlenden Durchreisenden verlieren die Geschäfte auch (Lauf-)Kundschaft und die betroffenen Ortschaften sind gefährdet, weil sie einen ,Lebenspuls' zu verlieren.
In den USA hat ein Geschäftsinhaber aus dem Ort Seligman seit dem Bau der Umgehungsstraße mit einigem Erfolg dafür gekämpft, dass sein Wohn- und Arbeitsort nicht zu stark unter der Umgehungsstraße leiden muss. Der Interstate-Highway machte die bekannte Route 66, welche die West mit der Ostküste verbindet und die viele Ortschaften durchquert obsolet. Es sind keine Studien bekannt, die alle Auswirkungen von Umgehungsstraßen belegen und aufzeigen. Es wäre ein Vergleich wert die Lage von Ortschaften mit und ohne Umgehungsstraße miteinander bzgl. Zahl der Geschäfte und der Lebendigkeit anzustellen. Wahrscheinlich wird man feststellen, dass in Ortschaften ohne Umgehungsstraßen noch mehr Geschäfte als in denen mit Umgehungsstraße existieren. Diese vermutliche Schlussfolgerung soll nicht als ein Plädoyer gegen Umgehungsstraßen missverstanden werden sondern die Frage nach Lösungsansätzen aufwerfen. Denn viele kleine Ortschaften leiden unter dem Rückgang von Geschäften und Leben. Wenn man sich das US-amerikanische Beispiel anschaut zeigt es, dass Privatinitiativen Erfolg haben können. Sie konnte nicht immer auf die Unterstützung der öffentlichen Institutionen und Politik zählen. Mit dem Herausstellen von historischen Alleinstellungsmerkmalen der Ortschaft konnte die Attraktivität eines Besuchs des Ortes Seligman für die Touristen deutlich erhöht werden. D.h. wenn man das Problem richtig erkannt hat und die Lösungsansätze auch richtig umsetzt, dann kann man im Kampf gegen die zunehmende Bedeutungslosigkeit von kleinen Ortschaften erfolgreich sein.

Montag, 27. August 2012

Eurokrise: Droht ein Rückfall in die Renationalisierung?


Die Eurokrise betrifft auch die Bewohner des ländlichen Raums, deshalb ein Beitrag zur Debatte.

In der Diskussion über die Zukunft der Euro-Zone wird immer wieder vor dem Rückfall in die Renationalisierung gewarnt. Aber wie glaubhaft ist dieses Argument?

Die Schaffung einer gemeinsamen Währungsunion könnte als eine Etappe in der Europäischen Politik angesehen werden. Aber die Frage stellt sich schon vorab, warum einige EU-Länder Euro-Mitgliedsstaaten geworden sind und andere nicht? Heute wird offensichtlich, dass die jeweilige Motivation der Mitgliedsstaaten, der Euro-Währungsunion beizutreten, sehr unterschiedlich war. Zudem wurde nicht darauf geachtet, ob die Länder ökonomisch zusammenpassen. Durch Druck Frankreichs wurden wider besseres Wissen Staaten zugelassen, die sich für die Währungsunion nicht eigneten. Diese Motive waren zum Teil nicht von gemeinschaftlichen Idealen getragen, sondern von unterschiedlichen nationalen Interessen. Dies war zum einen die Motivation, die Handlungsfähigkeit der Deutschen Bundesbank einzuschränken und zum anderen, wie sich heute herausstellt, möglichst günstig an Staatsanleihen, wie Deutschland sie bekommt, aber zusätzlich noch in beliebiger Höhe, zu kommen. An der früheren nationalen Weichwährungspolitik wurde aber nach einer Auszeit weiter festgehalten. Diese wurde jedoch ohne Rücksicht auf das geltende Recht und das Vertrauen der Gläubiger ständig gebrochen - man berief sich stets auf eine Notlage. Die Europäische Zentralbank (EZB) bzw. die Währungsunion ist nicht gegründet worden, um die Anleiherenditen zu reduzieren, wie es heute vielfach südliche Länder für sich behaupten. Die deutsche Regierung hat zur Bedingung ihrer Mitgliedschaft in der Eurozone Stabilitätskriterien, Haftungsausschluss-Regeln für Schulden anderer Staaten und für die neue europäische Zentralbank ähnliche Regeln bzw. Strukturen wie bei der Bundesbank eingefordert. Diese Forderungen waren notwendig, da Deutschland bei Nichtbeachtung der währungspolitischen und marktwirtschaftlichen Vernunft am meisten zu verlieren hat. Rückblickend zeigt sich heute, dass sowohl die Kriterien und Regeln als auch die Unabhängigkeit der EZB ständig ignoriert wurden, aber auch, dass selbst die Angaben bei der Aufnahme nicht kritisch überprüft wurden und die Stabilitätskriterien unbrauchbar waren. Denn bei einer schwachen Volkswirtschaft sind 3% Neuverschuldung und 60% Staatsverschuldung noch viel zu hoch. Hier hätte man die Kriterien an die nationale Wirtschaftskraft bzw. an die Handelsbilanz koppeln müssen. Bei der Aussetzung der Bestrafung für die Neuverschuldung hat die deutsche Regierung unter Schröder auch eine Mitschuld bei der Umgehung der Regel, eine höhere Neuverschuldung zu bestrafen, auf sich geladen. Wenn nun die griechische Regierung bei der Meldung von gefälschten Zahlen ihren Eintritt in die Eurozone getrickst hat, dann ist dies auch der nationalen griechischen Politik zuzuschreiben, die unbedingt und koste es was es wolle, in die Eurozone aufgenommen werden wollte. Die Probleme, die zur Krise der Währungsunion führten, sind letztendlich in der Vorrangstellung der jeweiligen nationalen vor gemeinschaftlichen Interessen zu suchen. Vor allem im Zusammenhang mit der höheren nationalen Neuverschuldung. Wenn nun dieses System der Eurozone auseinanderbrechen sollte, dann hat dies seine Gründe in der fehlerhaften Aufnahme von ungeeigneten Mitgliedsstaaten, die zudem noch die Mehrheit als Schuldner gegenüber den Gläubigern in dem EZB-Rat stellen. Weiterhin existiert eine unbegrenzte Haftung ohne eine Zentralmacht, die beschlossene Regeln durchsetzt. So stehen hier die Nationalinteressen einer Lösung im Weg. Wenn die Wiedereinführung von Nationalwährungen oder Süd- und Nordeurowährungen notwendig sein wird, dann hat dies seinen Grund darin, weil die Grenzen der Schuldenumverteilung unter den Mitgliedsstaaten erreicht sind, d.h. sowohl finanziell als auch politisch. Aber auch die geringer werdende Glaubwürdigkeit der zuständigen Politiker und der ,Währungshüter' sowie Verstöße gegen das ursprüngliche Regelsystem der EZB tragen dazu bei. Eine Wiedereinführung der DM wird zwar in der Diskussion immer wieder in Abrede gestellt, aber wenn ein neues System nicht funktioniert, sollte man auf ein bewährtes System zurückgreifen, welches zudem mehr Vertrauen genießt und eine realistischere Geldpolitik betreibt. Der Frust der Verantwortlichen, die das neue Eurozone-System ausgehandelt haben, ist zwar groß und andererseits auch verständlich. Dennoch sollten diese die Größe besitzen, ein Scheitern ihres Systems zuzugeben, wenn sie etwas an Glaubwürdigkeit und Selbstrespekt bewahren wollen. Neue Luftschlösser bauen bringen nichts. Denn nichts ist verheerender, als wenn man Versprechungen nicht nur nicht einhält, sondern auch noch die betroffenen Bürger für die Fehler der Politik haften lässt. Dieses Eingestehen des Scheiterns ist gerade auch deshalb notwendig, weil einem großen Teil der Bevölkerung in der Eurozone durch eine Weiterso-Politik langfristig geschadet wird. Und dies wird letztendlich sehr schädlich sein für die zukünftige europäische Politik insgesamt, auch in anderen Themenfeldern.
Es ist eine Illusion, dass eine supranationale Organisation oder ein europäischer Bundesstaat als Zentralmacht, der nebenbei bemerkt so schnell nicht kommen wird, die Probleme löst. Gerade der Fall Griechenland zeigt, dass ein Staat, welcher nun über 30 Jahre EU-Mitglied ist, immer noch gravierende Mängel im Staatswesen und in der Wirtschaft besitzt. Warum sollte die EU besser funktionieren, wenn sie  noch mehr Souveränitätsrechte hinzu gewinnt?

Aber die Lage ist noch viel schlechter als man denkt. Man hat schlicht vergessen, in die Ausbildung und Förderung von verlässlichen Politikern in Ländern wie Griechenland und einigen Neumitgliedsstaaten wie etwa Rumänien zu investieren. Selbst der von Deutschland favorisierte Technokrat Lucas Papademos hat sich als Enttäuschung herausgestellt. Der jetzige Premierminister Samaras war schon Kabinettsmitglied, als noch Griechenland seine gigantischen Schulden ansammelte. Es sind in Griechenland auch keine politischen Hoffnungsträger in Sicht. Aus der Krise ist auch kein solcher hervorgegangen. Die Personaldecke in der griechischen Politik ist dünn. So ist man in der europäischen Solidargemeinschaft auf Gedeih und Verderb auf politische Harzardeure (Victor Ponta), extremistischen Populisten (Alexis Tsipras) sowie auf korrupte Etablierte schlechthin angewiesen. Die Leser dürfen Silvio Berlusconi in die Kategorie einordnen, die sie mögen. Insgesamt hat die EU dieses Feld unbeachtet gelassen.

Was sind europäische Verträge letztendlich wert, wenn sie nur einseitig und nur bei Bedarf eingehalten werden? Und wenn die europäischen Partner nicht zuverlässig sind? Deutschland macht sich durch Verbindlichkeiten nur erpressbar. Die deutschen Bürger müssen ständig hören, dass die öffentlichen Kassen leer sind, aber in anderen Ländern wird mit dem Geld ganz anders umgegangen. Die Handlungen der angeblichen Euroretter gefährden zudem die freie Marktwirtschaft und unsere Rechtskultur, da sie Prinzipien wie Haftung, (Haushalts-)Autonomie, Verantwortung und Freiheit in Frage stellen und damit ein wirtschaftspolitisches und rechtsstaatliches Chaos herbeiführen. Gerade wenn deutsche Steuerzahler für spanische Regionalbanken, die zudem nicht systemrelevant sind, haften - dann ist das System ad absurdum geführt.

Nicht der Rückfall in nationale Systeme ist also das Problem. Eine Renationalisierung ist vielmehr  die einzig übrigbleibende Lösung, wenn vorrangig nationale Interessen Gemeinschaftsprojekte zum Scheitern bringen. Nationale Systeme sind gemeinschaftlichen Systemen in dieser Hinsicht zudem an Erfahrung, Sachverstand und Struktur weit überlegen.